Die Hörkontaktlinse ist das Hörgerät der Zukunft

Das Mannheimer Unternehmen Vibrosonic arbeitet gemeinsam mit auric an der Entwicklung einer innovativen Hörkontaktlinse. Der Start der klinischen Erprobung steht kurz bevor.  

Rheine/Mannheim. So ein kleines Hörgerät hat es noch nie gegeben, und technisch wird es anderen Produkten weit überlegen sein: Bei der sogenannten Hörkontaktlinse sitzt ein Mikro-Lautsprecher direkt auf dem Trommelfell des Trägers – ähnlich wie eine Kontaktlinse direkt auf dem Auge aufliegt. „Die Klangqualität ist bei der Hörkontaktlinse deutlich besser als bei herkömmlichen Geräten“, sagt Dr. Dominik Kaltenbacher, Mitgründer und Geschäftsführer des Mannheimer Start-ups Vibrosonic. Das Unternehmen arbeitet derzeit an der Marktzulassung dieser innovativen Hörhilfe.

Bei klassischen Hörgeräten sitzt ein Lautsprecher im Gehörgang des Trägers. „Das hat einige Nachteile. Akustische Verzerrungen können für schlechte Klangqualität sorgen, insbesondere bei hohen Lautstärken“, sagt Dominik Kaltenbacher. Zudem sei die Frequenzbandbreite eingeschränkt. Höhere Töne im Bereich über sechs bis acht Kilohertz könnten von klassischen Systemen nicht verstärkt werden und seien für den Nutzer verloren. „Unsere Hörkontaktlinse schafft aber mindestens zwölf Kilohertz.“

Weitere Nachteile herkömmlicher Hörgeräte resultierten aus der Positionierung des Mikrofons hinter dem Ohr des Trägers. Das macht sie anfällig für Störgeräusche. So sorgen insbesondere Wind oder eine allgemein unruhige Umgebung, etwa bei Gruppengesprächen, für Hörprobleme. Auch das Richtungshören ist bei herkömmlichen Hörgeräten häufig erschwert. „Da bei unserer Hörkontaktlinse das Mikrofon aber direkt im Gehörgang sitzt, haben wir diese Nachteile nicht“, sagt Dominik Kaltenbacher.

Möglich macht dies ein speziell entwickelter, piezoelektrischer Mikrolautsprecher, der sogenannte „Vibrosonic-Aktor“. „Er ist der weltweit erste Hörgerätelautsprecher, der mit Mitteln der Mikrosystemtechnik entwickelt wurde, und daher trotz kleinster Abmessungen sehr hohe Verstärkungsleistungen und überragende Klangqualität bietet“, erklärt der Vibrosonic-Chef.

Entstanden ist die Firma Vibrosonic aus der Wissenschaft. Die Führungsriege des Unternehmens setzt sich zusammen aus Geschäftsführer Dr. Dominik Kaltenbacher, Entwicklungsleiter Dr. Jonathan Schächtele und dem Wissenschaftlichen Berater Dr. Ernst Dalhoff von der Uniklinik Tübingen. Vibrosonic ist eine Ausgründung der Fraunhofer-Projektgruppe für Automatisierung in der Medizin und Biotechnologie (PAMB) in Mannheim und der Universitäts-HNO-Klinik Tübingen. „Wir beschäftigen uns schon sehr lange mit Hörgeräten“, sagt Vibrosonic-Chef Dominik Kaltenbacher, „und an der Uniklinik entstand dann die Idee, diese neue Hörgerätegeneration zu erschaffen“.

An der Entwicklung der Hörkontaktlinse ist auch die auric Hörsysteme GmbH & Co. KG beteiligt. Das Unternehmen aus Rheine übernimmt die Projektkoordination, das System-Engineering, die Herstellung von individuell angepassten Silikonabgüssen für Probanden, die Programmierung der Hörgeräteelektronik sowie die Evaluation des Prototyps. An der Vibrosonic GmbH ist auric Hörsysteme zudem als strategischer Investor beteiligt und wird später auch als Vertriebspartner fungieren.

Schon bald soll die klinische Erprobung der Hörkontaktlinse beginnen. 20 bis 30 Probanden bekommen dann von ihrem Hals-Nasen-Ohren-Arzt eines der kleinen, mit Silikon ummantelten Geräte eingesetzt. Verläuft die Testphase erfolgreich, bekommt die Hörkontaktlinse spätestens Anfang 2020 die CE-Kennzeichnung. Der Markteintritt ist für das Jahr 2021 geplant. Zunächst soll die Hörkontaktlinse ausschließlich in Deutschland erhältlich sein, später auch in anderen europäischen Ländern. Geeignet ist sie für Menschen mit leichtem bis mittlerem Hörverlust. Das sind rund 85 Prozent aller Schwerhörigen.

Sie profitieren davon, dass die Hörkontaktlinse einen sehr breiten Frequenzbereich abdecken kann. Ein gesunder Mensch hört für gewöhnlich Töne im Frequenzbereich von 20 bis 20 000 Hertz. Bei einsetzender Schwerhörigkeit nimmt der Mensch dann zunächst höhere Töne nicht mehr wahr. Herkömmliche Hörgeräte können den Bereich zwischen 200 und 8000 Hertz wieder hörbar machen. „Wir kommen mit unserem Ansatz aber deutlich weiter, decken einen Bereich zwischen 80 und 12 000 Hertz ab“, sagte Vibrosonic-Chef Dominik Kaltenbacher jüngst auch in einem Interview mit der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.).

Der Aufbau der Hörkontaktlinse ist so einfach wie genial. Auf dem Trommelfell sitzt ein Mikro-Lautsprecher, über ein filigranes Kabel ist er mit einem Chip und einer winzigen Batterie verbunden. Die gesamte Spezialanfertigung ist in etwa so klein wie ein Reiskorn. Künftig werden Träger der Hörkontaktlinse diese Batterie unkompliziert und kabellos laden können, indem sie einfach einen Induktionskopfhörer aufsetzen. Ansonsten ist die Hörkontaktlinse sehr wartungsarm. In gewissen Abständen stehen Kontrollen beim HNO-Arzt an, damit dieser das Gerät reinigt. Wie oft genau dies nötig sein wird, soll die Erprobungsphase zeigen.

Für das spätere Wachstum legt Vibrosonic derzeit den Grundstein. „Wir sind ja noch ein junges Unternehmen. Die Hörkontaktlinse am Markt zu etablieren, wird für uns eine Herausforderung“, sagt Dominik Kaltenbacher. „Aber wir sind von dem technischen Potenzial überzeugt, es kann das Leben von vielen Menschen besser machen, und ihnen helfen, die Einschränkungen der Schwerhörigkeit zu überwinden – deshalb arbeiten wir mit großer Leidenschaft daran, dass das Unterfangen ein Erfolg wird.“